Montag, 14. Juli 2008

Der Engel auf der Brücke

Ich traf auf meinem Weg einen jungen Mann, der ging auf
und ab. Ich fragte, was er denn mache und er schaute
mich an. Seine Augen waren voll Trauer und auch voll
Wut. Sein Körper war geschwächt und doch konnte er
nicht ruhen. Auf seinen Schultern lastete ein großes
Paket – hier und da waren ein paar Löcher, wo wohl ein
Stück des Inhalts fehlte; dennoch schien es dadurch
nicht minder schwer.

Ich fragte, warum er denn nur ständig auf und ab gehe?
Er sagte, dass er gerne über diese Brücke gehen wolle,
um auf die wunderschöne Insel gegenüber der Schlucht zu
gelangen, doch er wage es nicht, denn seine Last sei so
schwer und die Brücke, die er passieren müsse, mache
keinen stabilen Eindruck.

Ich fragte ihn, warum er denn die Last nicht ablegen
würde, dann könnte er doch ohne weiteres die Brücke
passieren. Er schaute mich entgeistert an – ohne sein
Gepäck??? Nein, das ginge nicht!

Ich fragte ihn, was denn so Wichtiges in diesem Paket
wäre, dass er es denn nicht hier lassen könne. Er
lächelte und sagte stolz – es ist meine Vergangenheit.


Er ging auf und ab – sehnsüchtige Blicke folgten dem
Weg auf diese wunderschöne Insel – mit Blumen und
Früchten und frischem Wasser. Er war wirklich
geschwächt, so bot ich ihm Wasser an – dankend trank
er.

Ich fragte, ob er seine Last absetzen möge und auf die
Insel gehen wolle. Vehement verneinte er – auf keinen
Fall würde er seine so kostbare Vergangenheit absetzen,
nur, um auf die Insel zu gelangen – es müsse doch
schließlich auch einen anderen Weg geben.

Wir schwiegen.

Ich meinte, wenn seine Vergangenheit leichter wäre, so
könne er sie vermutlich mit auf die Insel nehmen. Doch
wäre sie leichter, so wäre sein Eigengewicht weitaus
mehr und so könnte er sowohl mit, als auch ohne
Vergangenheit diese Brücke nicht passieren. Dadurch
jedoch, dass er nun so lange gegangen sei, mit dieser
Last, sei er selber davon so leicht geworden, dass er
die Brücke passieren könne, würde er seine Last
absetzen.

Er schaute mich erstaunt an – „Es ist also die einzige
Möglichkeit diese Brücke zu überqueren?“ fragte er.

Ich schwieg. Er dachte nach.

Dann fragte er mich, ob ich denn kurz für ihn seine
Vergangenheit tragen könnte, da er das Paket ungern in
den Staub stellen wolle. Er würde jedoch gern einmal
auf die Insel gehen, um zu schauen, ob sich denn der
Tausch auch lohnen würde.

Ich sagte, dass er gern auf die Insel gehen könne, doch
ich würde ihm seine Last nicht abnehmen. Ich zeigte auf
den Haufen neben der Brücke und sagte: "All das
ist Vergangenheit von vielen anderen, die auch zuvor
wie du unentschlossen waren. Es ist deine Entscheidung
– wohin es dich trägt."

Und seit er über die Brücke lief, ruht neben seiner
Vergangenheit die Vergangenheit vieler anderer
glücklicher, freier Menschen!

Paula Meux

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